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”Ha, der isch scho reacht, er schafft ond spart, aber isch halt katholisch!”
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Pietismus
Kirchenkonvent
Harry Potter in Dottingen
Der Posaunenchor
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Konfessionell gesehen, glich das Gebiet des heutigen Baden-Württemberg bis zur Napoleonischen Zeit einem Flickenteppich. So gehörte etwa die Gegend um Rottenburg zu Vorderöstereich, war also von Grund auf stockkatholisch. Hohenzollerische und Fürstenbergische Besitztümer durchsetzten den Südwesten des Landes; die Einen bevorzugten die katholische Konfession, Andere wiederum die evangelische. Die altwürttembergischen Gebiete huldigten seit Einführung der Reformation um 1534 der staatlich verordneten evangelischen Kirche. Durch das Recht auf freie Religionswahl und dem mit der Industrialisierung einhergehenden Zwang zur Mobilität verwischten sich diese Grenzen, sind aber in Sitten und Gebräuchen, auch in einigen Köpfen immer noch deutlich erkennbar. So kann ich mich sehr gut noch des Traugespräches erinnern, zu dem ich (katholisch) und meine Verlobte (evangelisch) in das Pfarramt zu Wannweil zitiert wurden. Der damalige Pfarrer gab ernsthaft zu bedenken, dass ihm eine Mischehe doch in „gewisser“ Weise bedenklich schien. Er unterlegte diese Bedenken mit statistischen Vergleichen von Selbstmordraten sowie Blumenschmuck in evangelischen und katholischen Gebieten. Weiter erkannte er scharf, dass sämtliche Diktatoren im 20. Jahrhundert katholisch gewesen seien. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb bin ich nun schon über 20 Jahre glücklich verheiratet. Durch diese Ökumene im Familienrahmen betrachte ich mich als vergnüglichen Wanderer zwischen den Konfessionen, der Lob aber auch seinen Spott quasi interkonfessionell gleichmäßig verteilt.
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Pietismus
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”Dia gehn in d’r Keller zom Lacha”!
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„Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind ihrer, die ihn finden.“ (Matth. 7)
Eine ganz besondere Strömung innerhalb der protestantischen Kirche stellt der Pietismus dar, durchaus eine württembergische Spezialität, welche bis heute Auswirkungen auf Tugenden und Untugenden der Schwaben hat. Der Pietist hält sich nicht alleine an das Evangelium, sondert ereifert sich darüber hinaus im Auslegen einer methodischen Lebensführung, die bei st
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Kolorierte Kreidelithographie. Stuttgart um 1866
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renger Befolgung direkt in das Himmelreich führt. Selbst vor Dingen, für die es weder religiöse noch gesellschaftliche Normen gibt, macht er bei seinen Betrachtungen nicht halt. Ganz besonders bei diesen „Mitteldingen“, also weder ge- noch verbotene, ( Adiaphoren) setzt er konkrete Handlungsanweisungen und Verbote. Ohne das Bild des „schmalen“ und des „breiten“ Weges war und ist diese Anschauung schwer zu vermitteln. Nicht umsonst erhielt der Käufer dieser Kreidelithographie von 1866 eine 8-seitige erklärende Broschüre beigefügt. Einfach gesagt, kommt derjenige ins Himmelreich, der alle Mühsale auf sich nimmt, sich alle weltlichen Freuden versagt, und ein eifriger Spender für verschiedene Missionswerke ist. Ein richtiger Pietist ist dankbar für jede Prüfung, die ihm auferlegt wird, da sie ihn ein Stück weiter auf dem schmalen Weg bringt. Obwohl die Geschlechtlichkeit durchaus ein Hindernis zum Erreichen des Himmelreiches darstellt, zeugt er Kind um Kind, ohne allerdings den Bauchnabel seiner Pietistin, geschweige denn andere Körperteile, je gesehen zu haben. Sollte ein Besucher des Schwabenlandes in eine Gegend kommen, in der ihm Mädchen mit Zöpfen, langen Röcken und Schuhen mit flachen Absätzen sowie gestandene Männern mit alttestamentarischer Barttracht gehäuft begegnen, so kann er sicher sein im pietistischen Altwürttemberg angekommen zu sein. Übrigens ist es dort auch Sitte die morgendliche Vesperpause als Anlass zu einem gemeinsamen Gebet zu nutzen. Auch ist die richtige Religionszugehörigkeit oftmals ein gewichtiger Grund für Einstellungsentscheidungen. „Domm isch er jo scho, aber er isch oiner von uns“. |
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Kirchenkonvent
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Die schwäbische Inquisition!
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Nach Einführung der Reformation wurde Württemberg zum „bestgeordneten lutherischen Kirchentum in Deutschland“, quasi zu einem protestantischen Spanien. Ganz in der schwäbischen Tradition etwas immer gründlicher zu machen, als andere es tun. Die Untertanen wurden zu einem restriktiv überwachten und bevormundetem Volk. Während und nach dem Dreissigjährigem Krieg, der als Strafe Gottes für ein unchristliches Leben gedeutet wurde, nahmen herzogliche Verordnungen zur Vermeidung von unmoralischem Lebenswandel immer mehr zu. So wurden zum Beispiel mit der 7. Landesordnung von 1621 verboten:
Karten-, Würfel- und Wettspiele
Zu- und Volltrinken (also alles was über eine bescheidene Zeche hinausging)
Tragen von Fastnachtskleider , usw.
Zur Überwachung dieser Verbote fehlte aber ein Gremium, das diese Maßnahmen bis in die kleinste Gemeinde durchsetzen konnte. Diese Missstand führte zur
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Auszüge aus Kirchenkonventsprotokollen: ...nach empfangener Absolution ist er ins Wirthshaus gegangen, hat sich mächtig überweint, also daß er nimmer gehen und stehen können, auch dabei gar übel geflucht bei den Heiligen Sakramenten, Donner und Hagel... um einen Gulden gestraft (1682)
...sind von dem Kirchenkonvent die drei ledigen Weibspersonen, weil sie mit Hans Haugen Dienstbuben in der Scheuer auf dem Heu üppigen Scherz getrieben und demselben ungebührlicherweise seine Hosen aufgelöst haben eine jegliche um ein Pfund Heller gestraft worden (1705)
...wird beklagt, daß er in der Kirche von der Empore kleine Steinlein auf das Weibervolk herabgeworfen. Wird deswegen ins Zuchthäuslein geführet bis zur Abendglocke (1702)
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Bildung der Kirchenkonvente, deren Vorsitz vom Schultheiß (Bürgermeister) und dem Ortspfarrer gemeinsam geführt wurde. Die Kirchenkonvente bestellten sogenannte „Simsenläufer“, deren Aufgabe das Anzeigen von verwerflichen Taten der Gemeindemitgliedern war. Diese Personen waren meist anonym und erhielten das „Anbringdrittel“, also 1 Drittel der Geldstrafe. Durch dieses System bleibe kaum ein noch so kleiner Verstoss ungeahndet. Kontrolliert wurden dabei nicht nur die Einhaltung der herzoglichen Verordnungen, sondern auch zum Beispiel der regelmäßige Kirchgang. Auch wurde ein scharfes Auge auf „Paptisten, Calvinisten und Sektierer“ geworfen. Erst mit dem Umbau von Staats- zur Volkskirche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschwand dieses Straf- und Spitzelsystem aus den württembergischen Gemeinden. Geblieben sind aber doch einige typische schwäbische Prägungen wie das „Spicken“ hinter dem Vorgang (Wer isch aus des, was macht der do?), sowie die Abneigung am helllichten Tage spazieren zugehen, als könnte man auch heute noch vor den Konvent zitiert werden. |
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Harry Potter
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Anleitung zum Okkultismus
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Ende des Jahres 2000 sorgte das Erscheinen des neuen Harry Potter Bandes für Aufruhr auch in den schwäbischen Buchhandlungen. Die Erlebnisse des englischen Zauberlehrlings bescherten volle Kassen. Bekennende Harry Potter-Fans outeten sich in Radio und Fernsehen. Nicht so der Kirchengemeinderat einer nicht näher genannten Gemeinde auf der Schwäbischen Alb. Dieser hatte die turnusmäßige Aufgabe über Neuanschaffungen für die Gemeindebücherei zu beraten. Und da diese wackeren Schwaben ihre Aufgabe gründlich machten, fiel Ihnen bei der Informationsbeschaffung ein Bericht einer amerikanischen Zeitung in die Hände, in dem die Harry Potter Bücher als praktische Anleitung zum Okkultimus bezeichnet wurden. Ganz in der Tradition der Kirchenkonvente wurde Harry Potter zwecks Schutz der schwachen Jugend der Zugang zur Gemeindebücherei verwehrt. Erst als sich bundesweiter Spott über Radio und TV über die Häupter des Gremiums ergoss, wurde diesen bewusst, dass sie dem Abdruck eines Artikel eines amerikanischen Satire-Magazines aufgesessen waren. Aber dessen nicht genug: Anstatt die Schmach einzugestehen, zogen sich die Kirchengemeinderäte auf ihre Entscheidungsbefugnis über die Beschaffung zurück und diese Entscheidung hieß: Harry Potter? Nein danke! Obwohl der Gemeindepfarrer selbst zugab, einen Band seiner Kinder gelesen zu haben. Eine typisch schwäbische Entscheidung! “No net zugeba, dass m’r domm rausg’schwätzt hot”
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Der Posaunenchor
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”An Dackel isch er scho, ab’r er isch der oinzige, wo d’Nota lesa ko”
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Kaum einer der kirchlichen Feiertage wird ohne Mitwirkung des Posaunenchors in der Gemeinde gefeiert. Die ganz spezielle Instrumentierung des Orchesters, nämlich ausschliesslich Blechblasinstumente, eignet sich vom Klangbild her ganz hervorragend um Choräle in getragener und eindringlicher Form vorzutragen. Das Ohr des Zuhörers scheint schon die Fanfarenstösse der Himmlischen Heerscharen zur Ankündigung des Jüngsten Gerichtes zu vernehmen. Bei Freiluftveranstaltungen nehmen auch Hunde jeder Rasse Anteil und versuchen ihre eigene Stimme melodiös einzubringen. Manches Mal geschieht dies durchaus stimmig. Die Rekrutierung der Jungposaunisten wird zunehmend schwieriger, da sich anderweitige weltliche Versuchungen der Kandidaten nicht mehr so ohne weiteres verhindern lassen. In streng organisierten Gemeinden, möglichst geografisch einigermaßen isoliert, werden die Knaben vor die Wahl gestellt: CVJM oder Posaunenchor. Oder in idealer Weise beides, was einer zukünftigen Wahl zum Kirchengemeinderat den Weg ebnen hilft. Eifer in der Gesinnung scheint auf jeden Fall wichtiger zu sein als Talent. An einem schwülen Samstagnachmittag traf ich auf der “Gass” den Sohn eines Bekannten, bewaffnet mit einem schwarzledernen, länglichen Koffer mit Griff. Auf meine Frage, wohin er denn mit diesem Monstrum gehe, antwortete der Knabe mit mürrischem Blick: “I gang gau huba!” (Im Hochdeutschen - Ich gehe jetzt hupen!) und ging seines Weges. Am Montag darauf traf ich seinen Vater und fragte diesen, wo denn sein Sohn hingegangen sei. “Ha, der isch doch seit neiestem em Posaunachor, hosch denn des net gwisst? S’isch emmer no bess’r wie in der Gegend rom gammla!” Ohne jeden Spott ziehe ich aber den Hut vor allen diesen wackeren Musikanten, die bei größter Hitze, aber auch bei Eiseskälte wie am Adventsmorgen auf dem Kirchturm ihre Lippen spitzen, ihr Notenblatt aufschlagen und mit geblähten Backen ihre Instrumente zu Gottes Wohlgefallen zum Klingen bringen. Ein absolutes Highlight für jeden aktiven Bläser ist ohne Zweifel der Landesposaunentag. Dort treffen sich locker an die 1.000 Bläser und tragen ihre Künste in der Gruppe, aber auch im gemeinsamen Spiel vor. Jedem der diese Ballung an Blechinstrumenten einmal gehört hat, und sei er ein noch so großer Spötter, werden Schauer über den Rücken laufen. Ein wirklich einmaliges Erlebnis. Neuere Untersuchungen auf bauphysikalischem Gebiet belegen allerdings auch die doch schädliche Wirkung der niederfrequenten Töne der Blechbläser auf Fundamente und Mauerwerk der Kirchen, Dome und Kathedralen. Es scheint in diesen zu Eigenschwingungenerscheinungen zu kommen, die den Zusammenhalt der Bausubstanz gefährden. Es soll etwas ähnliches schon im Alten Testament beschrieben worden sein. Diese These würde auf jeden Fall die Parallelität zwischen Häufung der Posaunenstöße und Verschlechterung der Bausubstanz belegen. Zur Klärung dieser Zusammenhänge hat sich mittlerweile ein Arbeitskreis gebildet, der über jede Unterstützung dankbar ist.
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