“Duifr äckra, it so oberflächlich omanander scherra”

Der Schwabe

Die Schwäbin

Bei einer Staßenumfrage nach einer typisch schwäbischen Eigenart gefragt, antwortet ein etwa 60-jähriger Schwabe: „Typisch schwäbisch, ha, do isch vielleicht: Zuerscht amol a bißle denka, ond no vielleicht wieder verwerfa ond no nomol denka ond no saga.“
Jeder nichtschwäbische Diskussionsleiter, der schon das Pech hatte in Schwaben eine Diskussion zu leiten, wird bei dieser Antwort verständig nicken. Sollte er gar den Fehler begangen haben, zur Auflockerung der Atmosphäre vorzuschlagen, dass sich alle Teilnehmer duzen sollen und er quasi als Krönung seiner Unvernunft das Wollbobbel-Spiel oder die „Reise nach Jerusalem“ als pädagogische Maßnahme zum besseren Kennenlernen anregt, so hat er es bei den Schwaben „verschißa“. Trübsinnige Betrachtungen über die verlorenen Jahre des Psychologie- oder Soziologiestudiums sind meist die Folge.
Schnelle Antworten, und womöglich noch aus mehreren aufeinander folgenden Sätzen bestehend, mag der Schwabe nicht. Er geht bedächtig vor, wägt sorgfältig das Für und Wider ab, und kommt dann schlussendlich meist zu seiner Meinung. Und dabei bleibt er auch. Sind einmal Entschlüsse und Meinungen gefasst, so werden diese über Generationen quasi als Familienschatz vor Anfeindungen verteidigt. Dies mag auch folgenden Ausspruch erklären: „Do wird gmickt, do hot mein Vat’r scho gmickt ond do mick i au, ond wenn’s d’r Buckl nauf goht“. Zum besseren Verständnis sei erklärt, dass die „Mick“ eine Bremse an einem hölzernen Leiterwagen ist.

 

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Der Schwabe

“Net bruddlat, isch gnua globt”

 

Seinem ganzen Wesen nach scheut der Schwabe das Extreme. Von Statur weder besonders groß noch besonders klein. Auch das Kommunizieren mit seiner Umwelt praktiziert er eher auf der sprichwörtlichen Sparflamme. Dieses bedächtige Umgehen mit seinen Ressourcen spiegelt sich in Sprache und Gesten. Keine lange anhaltenden Gespräche wo ein einziges „Joh“ oder „Noi“ ausreichen würde. Wozu auch die kostbare zeit mit Schwatzen verbringen, wo man doch noch so viel schaffen könnte.

So mancher Nichtschwabe, der gesten- und wortreich einen Schwaben fragte, ob dieser denn den Weg nach, sagen wir mal Tübingen, kenne, war ob der lapidaren Antwort: „Noi“, auf das äußerste düpiert. Warum auch mehr sagen,

”So gnau wisset mir des au net, mr sen ganz manierlich im Ochsa gsässa, ond uf oimol isch, gucke rom, gucke nom, em Karle s’ lenk Aug am Kittel na gloffa”
Antwort einer schwäbischen Männerrunde auf die Frage des Amtsrichters nach dem Tathergang
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wo er doch erschöpfende Auskunft gegeben hat.
Auf das meisterhafte versteht er es aber, durch Anhängen von Silben oder Halbsätzen dem Eingeweihten eine erschöpfende Auskunft zu geben. Wer das Glück hat Wohnung und Arbeitsplatz bei den Schwaben zu haben, aber mit diesen verbalen Feinheiten noch nicht vertraut ist, dem sei auf das Dringlichste empfohlen, diese möglichst schnell zu erlernen. Dies gilt ganz besonders für Universitätsabgänger, die der Meinung sind, den groben Schwaben das richtige Arbeiten beibringen zu müssen. Antwortet ein Schwabe auf eine Anweisung mit
„Joh“ wird hat es seine Richtigkeit, aber antwortet der mit „Joh, glei“, bedeutet dies, dass er die Anweisung zwar verstanden hat, aber der Zeitpunkt, wann er diese ausführen wird, noch gänzlich ungewiss ist. Ganz gefährlich ist das „Joh, joh“, besonders wenn es von einer Folge von unverständlichen Wortfragmenten begleitet wird. Nichts anderes ist passiert, als dass der Schwabe seinen Herausforder zur Befolgung des Götz-Zitates aufgefordert hat.
Von jeher hegt der Schwabe ein gesundes Mitrauen gegenüber der Obrigkeit. Er versucht ihr möglichst aus dem Wege zu gehen und regelt seine Angelegenheiten lieber unter seinesgleichen. Vor allem auch, weil er dieser nicht allzu viel zutraut. So lautete die Antwort eines Schwarzwälder Bauern, was er denn von dem neuen Bürgermeister in seiner Gemeinde halte:
„ Ha no, zu ebbes gscheitem tät er eh net dauga“. Also hielt er den Neuen für gut aufgehoben.
Dieser Respektmangel mach auch vor höheren Gefilden nicht halt. Ein schwäbischer Bauer pflügte mit einem Ochsengespann seinen Acker, obwohl ein Gewitter drohend am Himmel stand. Es kommt, wie es kommen muss, ein Blitz fährt herab und erschlägt die Ochsen. Ohne ein Wort zu verlieren, schneidet der Bauer die Zugriemen ab und schleppt seinen Pflug auf dem Rücken nach Hause. Am nächsten Tag schirrt er sein zweites Ochsenpaar an und beginnt erneut zu pflügen. Als der Himmel sich wieder verdunkelt und Blitz und Donner immer näher kommen, reckt er seine Faust gen Himmel und ruft:
„Schmecksch wieder Öchsle“.
Ist die Geschichte auch wohl erfunden, so zeigt sie doch, dass Mut aber auch Starrsinn, selbst im Bewusstsein der Ohnmacht, dem Schwaben gegeben sind.
Um dafür schließlich ein reales Beispiel anzuführen, sei darauf hingewiesen, dass dem Aufruf zum Generalstreik anlässlich der sogenannten „Machtergreifung“ des kleinen Österreichers in ganz Deutschland nur eine einzige Gemeinde in Deutschland folgte, die Gemeinde Mössingen am Fuße der Schwäbischen Alb. Zwar wurden auch diese Unbeugsamen schnell eines Besseren belehrt, aber dennoch sei der Hut gezogen vor soviel Courage.
 

 

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Die Schwäbin

“Dui wiascht Dengere, ond in Stond goht se au no”

 

Der wahre Herr im Hause des Schwabens ist, wie könnte es auch anders sein, die Schwäbin. Sie ist Hüterin und Mehrerin des Besitzstandes und versorgt ihren Schwaben tagtäglich mit Speis und Trank und einem sauberen Häs. Es mag wohl auch die eine oder andere „Schwertgosch“ dabei sein, allerdings wird diese Spezialität meist nur in der direkten Auseinandersetzung mit Geschlechtsgenossinnen eingesetzt. In diesen Fällen kommt noch eine weitere intrigante Waffe der Schwäbin zum Einsatz. Diese beginnt mit den Worten: “Moinet se net au, dass dui a reachts Mensch isch?“ (Beachte das: Moinet se net au). Sollte die so vertraulich Angesprochne den Fehler begehen und dies zu bejahen, glaubt spätestens am folgenden Tag der ganze Flecken felsenfest, dass sie gesagt hätte, dass „dui a reachts Mensch sei.“
Die bevorzugte Nachrichtendrehscheibe der Schwäbinnen sind Backhäuser und die mittlerweile fast ausgestorbenen kleinen Gemischtwarenläden. So manche Hausfrau geht noch schnell was einkaufen, nicht dass sie noch etwas für die Küche brauchen würde, sondern weil sie unbedingt erfahren muss, ob „dui mit dem“ was hat, oder ob es wahr sei, dass diese oder jene Familie wirklich so viel geerbt habe.
Es ist so gesehen auch kein besonders Wunder, dass der Schwabe im allgemeinen als mundfaul gilt, da meist seine Schwäbin diesen Mangel um ein mehrfaches ausgleichen

” I fäg emmer zwischa zwelfe on drei, da fahrat net so viele Audo”.

kann. Er mimt den Zuhörer und beschäftigt sich in Wirklichkeit im Geiste mit der Planung eines Mäuerchens im Garten oder wann er denn seine Bäume schneiden soll. Erst die meist schneidend vorgebrachte Frage: „Hersch du mir iberhaupt zua?”, bringt ihn dann in die Verlegenheit eine kurze Zusammenfassung der soeben vermeintlich gehörten Neuigkeiten zum Beweis seiner Aufmerksamkeit vorzutragen. Das kann schon ein rechtes Kreuz sein, wenn seine Antwort nicht befriedigend ist.
Von diesen Belanglosigkeiten abgesehen ist die Schwäbin ein wahres Wunder an ausdauernder Schaffenskraft. Ist die unvermeidliche Hausarbeit erledigt, die Einkäufe gemacht, die Kinder in der Schule, so wird sie deshalb nicht die Hände in den Schoß legen und ausruhen, sondern sich so wichtigen Tätigkeiten widmen, wie dem Abstauben im Kohlenkeller und der Jagd auf Spinnweben in der unzugänglichsten Ecke des Dachbodens. Der Schreiber dieser Zeilen schwört hoch und heilig dies selbst schon erlebt zu haben.
Ebenso irrational ist der sich ins panische steigernde Putztrieb vor einer anstehenden Urlaubsreise, selbst wenn diese nur ein Wochenende dauert. Auf die Frage was das denn soll, wurde von einer Schwäbin (ebenfalls hoch und heilig war) geantwortet:
„Ha no, wenn mir em Urlaub ebbes passiert, ond i nemme z’rick komm, no werret d’ Leit denka, des war amol a schene Schlampere.“
 

 

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